VERSCHIEDENES
Klimawandel: Und täglich schwitzt das Murmeltier
Ruhig liegen die Murmeltiere auf ihren Felsen mitten auf sattgrünen, saftigen Almwiesen hoch über der Waldgrenze. Ihre anmutigen, vibrierenden Rufe hallen über die Bergwelt. Wenn einer ihrer natürlichen Feinde wie der Steinadler seine Kreise am Horizont zieht, stecken die „Wächter“ unter den Murmeltieren ihre Nase Richtung blau blitzendem Himmel als könnten sie die Gefahr riechen. Sie fürchten Fuchs und Jäger, Luchs und Uhu. Dem gefährlichsten Feind, der sich langsam anbahnt, sind sie schutzlos ausgeliefert: dem Klimawandel. Er bedroht hunderte Tierarten und sogar ganze Ökosysteme.
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„Der Klimawandel wird zum Aussterben tausender Tierarten führen. Wissenschaftler gehen bei einem „mittleren Szenario der Klimaveränderung“ davon aus, dass weltweit in den nächsten vierzig Jahren bis zu 37 Prozent aller auf dem Land lebenden Tier- und Pflanzenarten aussterben“. Das sagt Henning Werth. Der Gebietsbetreuer des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern und Experte für den Einfluss des Klimawandels auf die Alpen beschreibt damit Szenen einer düsteren Zukunftsvision. Demnach verschwinden insgesamt mehr als eine Million Arten. Wenn die Durchschnittstemperatur weiter ansteigt, verschieben sich die idealen Klimazonen für Tiere und Lebensräume hin zu den Polen und in höhere Meereslagen. Für Kälte liebende Arten wie dem Alpenmurmeltier wird der Lebensraum langsam knapp. Schuld daran ist die globale Erderwärmung.
Am blau blitzenden Himmel der bayerischen Alpen drohen tiefschwarze Wolken, überspannt von einem prallen Mantel aus Abgasen produziert von Menschenhand: Co2 ist das Treibhausgas Nummer eins, das der Mensch täglich in die Atmosphäre pustet und womit er laut Studien erheblich zum Klimawandel beiträgt. Obwohl Pflanzen auf das Gas sogar angewiesen sind und daher etwa zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus der Luft saugen, gefährdet die globale Erderwärmung die Tierwelt und verändert die Pflanzenwelt. Weil viele Tiere zu enge Temperaturtoleranzen besitzen oder spezifische Strukturelemente benötigen, können sich viele Arten nicht an die neuen Bedingungen des Klimawandels anpassen.
Gerade Tiere der alpinen Zonen sind davon bereits direkt betroffen: „Die Alpen können als "Frühwarnsystem" angesehen werden, weil hier viele Arten früher reagieren als in tieferen Lagen“, erklärt Henning Werth weiter. Die Veränderung des Klimas drängt von allen Seiten in ganze Ökosysteme ein. Wenn die kühlen Brisen und kalten Winter irgendwann verschwinden, droht die volle Hitze des Klimawandels die heimische Artenvielfalt zu bedrohen. Sollte etwa die Schneebedeckung in bestimmten Lagen in Zukunft ausbleiben, wäre dies tödlich für Murmeltiere im bayerischen Alpenraum. Die isolierende Schneeschicht im Winter ist wichtig, und für extrem heiße Sommer sind die hitzeempfindlichen Tiere nicht anpassungsfähig genug.
Zusammen mit dem Klima verändert sich auch die Pflanzenwelt und jede fünfte Art ist aufgrund der globalen Erderwärmung sogar vom Aussterben bedroht. Auch weil saftige Almgräser auf dem Speiseplan der Alpenmurmeltiere stehen, scheint der Klimawandel bedrohlich zu sein. Für ihren Winterschlaf müssen sie im Laufe des Sommers ihr Körpergewicht verdoppeln. Wenn sich die Wälder in höhere Lagen ausbreiten, dann könnte der sogenannte Primärlebensraum für Murmeltiere ganz verloren gehen. In den Allgäuer Alpen kommen sie heute noch unter 1.000 Höhenmetern vor. „Voraussetzung dafür ist auch, dass Murmeltiere hier nicht bejagt werden. So können sich Naturfreunde an den "possierlichen" Tieren erfreuen und sie aus geringer Entfernung beobachten“, erzählt Werth.
Murmeltiere sind von Steppengebieten auf Regionen oberhalb der Baumgrenze eingewandert. Eine gewisse Anpassungsfähigkeit an halboffene Lebensräume war hierfür die wichtiste Voraussetzung. Allerdings vollziehen sich die Neubesiedlungen von geeigneten Lebensräumen extrem langsam und die Klimaerwärmung schränkt diese ohnehin ein. An den Menschen haben sich die Tiere mittlerweile angepasst. So haben sie in den letzten 150 Jahren tiefere Lagen besiedelt, die sich meist durch Kahlschlag ergeben haben. Nachdem das Alpenmurmeltier früher stark bejagt wurde, sieht das Jagdgesetz heute nur noch einzelne Abschüsse unter besonderer Erlaubnis der Jagdbehörde vor. So bleibt der Klimawandel ihr größter Feind.
Allerdings beeinflusst die Erderwärmung nicht nur die Artenvielfalt der Alpen. Einige Zugvögel stornieren bereits jetzt die lange Winterreise in den Süden, weiß Vogelexperte Werth. „Vor allem Teilzieher werden zu Standvögeln, die immer seltener das Brutgebiet verlassen oder die Überwinterungsquartiere nach Norden verlegen“. So wandere zum Beispiel der Kranich nach Skandinavien ab. Der Klimawandel öffnet aber auch die Türen für exotische Einwanderer. Es gibt Libellen- oder Tagfalterarten, die aus Südeuropa oder sogar Nordafrika stammen und in letzter Zeit nach Europa eingewandert sind. Wärmeliebende Vogelarten wie Steinrötel, Steinhuhn oder Zippammer sind in den Allgäuer Alpen "angekommen" und werden sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren ausbreiten.
Angesichts der großen bevorstehenden Veränderungen stockt vielen Natur- und Tierschützern der Atem. In der einst reinen und friedlichen Ruhe oberhalb der Waldgrenze, die nur Steinadler und Murmeltiere zu stören vermochten, nistet eine seltsame Ungewissheit. Lauernd und gespenstisch. So drängt sich die dringende Frage auf: Lässt sich auch in der Gesellschaft ein „Klimawandel“ feststellen? Das Interesse an Naturschutzthemen habe zweifellos zugenommen, sagt Werth. Dabei könnte dies daran liegen, „dass wir die Schutzgebiete nicht mehr als reine "Wildnis-Gebiete" verstehen, über die man quasi am besten eine Käseglocke stülpen sollte“. Es könnte sogar an der zunehmenden Urbanisierung liegen, durch die viele Menschen ein Bedürfnis nach wilder und intakter Natur verspüren.
Auf jeden Fall sei es wichtig, Besuchern und Einheimischen aufzuzeigen, dass die alpinen Lebensräume als Frühwarnsystem von Prozessen verstanden werden können, die letztlich direkt oder indirekt auch den Menschen im Tal einholen werden. „Der Schutz von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen kommt der Lebensqualität der nachfolgenden Generationen zugute“, ist sich Experte Henning Werth sicher. (Von Dorothea Alber)
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