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Schwäbisch Gmünd . Das Kind muss zum Zahnarzt, zu Hause stapelt sich die Bügelwäsche und im Job jagt eine Besprechung die andere. Wer Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss, fühlt sich mitunter wie im freien Fall. Das Pharma- und Naturkosmetikunternehmen Weleda in Schwäbisch Gmünd knüpft seit Jahren an einem Netz, um seine Mitarbeiter im Alltagsstress aufzufangen. Das Engagement ist Bestandteil der anthroposophischen Unternehmensphilosophie, zahlt sich inzwischen aber auch finanziell aus. «Es kommt rechnerisch viel mehr raus als wir reinstecken», sagt Rudolf Frisch, Mitglied der Geschäftsführung.
Rund 800 Mitarbeiter arbeiten am Standort Schwäbisch Gmünd für die deutsche Niederlassung des Schweizer Weleda-Konzerns. Und jährlich gehen rund 1000 Initiativbewerbungen aus der ganzen Republik ein. «Es fällt uns leicht, Mitarbeiter zu finden», betont Frisch, der dies vor allem auf die familienfreundliche Firmenkultur zurückführt. Diese basiert auf flexiblen Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, einem Generationen-Netzwerk und Elternfortbildung. «Wir haben 150 Gleitzeitmodelle für 800 Beschäftigte - also für jeden fünften Mitarbeiter ein eigenes Modell», erläutert Frisch.
Bereits seit 1998 betreibt Weleda eine Waldorf-Kindertagesstätte mit 42 Plätzen, die ganztags und ganzjährig geöffnet hat - auch in den Ferien. Fünf Erzieherinnen kümmern sich um die Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren, die auf die «Zwergen»-Gruppe und die «Feen»-Gruppe verteilt sind. Die Eltern zahlen eine Monatsgebühr von 120 Euro pro Kind. Hinzu kommen Zuschüsse von der Stadt. Den Hauptanteil der Kosten trägt mit 150 000 Euro pro Jahr das Unternehmen, das damit umgerechnet für jeden Kita-Platz monatlich 300 Euro aufbringt.
Auf großes Interesse in der deutschen Wirtschaft stößt aber vor allem das Generationen-Netzwerk, das 2005 mit dem Innovationspreis der Bundesregierung ausgezeichnet wurde. Es verknüpft Rentner, die früher bei Weleda tätig waren, mit der aktuellen Belegschaft. Die Rentner greifen flexibel ein, wenn ein Mitarbeiter Hilfe bei der Bewältigung des alltäglichen Lebens benötigt, sei es bei der Garten- oder Haushaltsarbeit, bei der Versorgung von Haustieren oder bei Erkrankungen von Familienangehörigen. Über Rundschreiben werden auch mal Einkäufe im Bio-Großhandel oder beim Fischhändler organisiert. Und selbst ein Bügelservice zählt zum Angebot.
Sieben Rentner sind derzeit fest in das Generationen-Netzwerk eingebunden. Eine weitere Gruppe beteiligt sich unregelmäßig an den Aktivitäten. «Das Netz hält, wenn man fällt», sagt die Pädagogin Isabella Quist, die das Projekt leitet. Es gehe um den Einklang der Mitarbeiter mit ihrem Lebensumfeld. In Notfällen soll die Hilfe jederzeit möglich sein - Tag und Nacht. Ob sie ehrenamtlich ist oder bezahlt wird, bleibt dabei den Beteiligten überlassen. «Das ist ein freies System ohne Zwänge», betont Quist.
Quist zufolge sind es «die vielen kleinen Dinge», die das Netzwerk ausmachen. Ein Teil der Belegschaft scheue aber noch davor zurück, Hilfe von außen anzunehmen. «Der Schwabe schafft ja lieber alles allein», sagt die Pädagogin. Allmählich wachse jedoch das Bewusstsein für diese Möglichkeit der Lebenshilfe. Inzwischen haben sich sogar Kinder von Mitarbeitern in das Generationen-Projekt eingebracht, darunter Quists Tochter. Sie stellen derzeit einen Babysitter-Service auf die Beine.
Unter dem Strich wirkt sich das Engagement nicht nur auf die Motivation der Mitarbeiter aus, sondern auch auf die Unternehmenskasse. Die Geschäftsführung verweist darauf, dass bei der Suche nach Fachkräften durchschnittlich 25 000 Euro Rekrutierungskosten anfallen. Angesichts des Bewerberansturms kann sich Weleda diese Kosten sparen. «Bei zehn Neueinstellungen im Jahr macht das 250 000 Euro», rechnet Frisch vor. Den Wert durch die Resonanz in den Medien beziffert er auf weitere 250 000 Euro. Anderes lässt sich nicht eindeutig auf die Familienfreundlichkeit zurückführen, zahlt sich aber auch aus. So liegt etwa die Krankenquote bei Weleda um ein Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.
Für die Zukunft hat sich das Unternehmen vorgenommen, Väter stärker zu ermutigen, in Elternzeit zu gehen. Auch an einen Ausbau der Betreuung für Kleinkinder ist gedacht. Nachahmer gibt es inzwischen einige. Selbst der Riese Ikea hat sich bei Weleda jüngst über das Generationen-Netzwerk informiert. Eine Kehrtwende kann Frisch in der deutschen Wirtschaft zwar noch nicht erkennen. Aber er glaubt an einen allmählichen Bewusstseinswandel - nach dem Motto «Steter Tropfen höhlt den Stein». Seine Hoffnung: «Irgendwann wird das alles selbstverständlich sein.»
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